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Abenteuer eines Weihnachtswichtels auf dem Rosenheimer Christkindlmarkt:  Wiggerl und die geschenkte Zeit

Wiggerl und die geschenkte Zeit

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Hoch oben auf dem Samerberg lässt die Sonne den Schnee wie tausend Diamanten funkeln. Die Morgenluft ist kalt und klar, nur ein paar kleine...

Von Gabriele Dorby

Wichtel Wiggerl© ovb24

Hoch oben auf dem Samerberg lässt die Sonne den Schnee wie tausend Diamanten funkeln. Die Morgenluft ist kalt und klar, nur ein paar kleine Wolken hängen träge rund um die Wichtelburg in der Luft. Die kleinen Wichtel waren bereits fleißig: Zusammen mit ein paar Freunden hat Wiggerl Schnee geräumt. Während die anderen danach wieder reingehen, um sich am offenen Feuer die frostigen Hände und Nasen zu wärmen, bleibt Wiggerl noch kurz draußen, um die wunderbare Winterlandschaft anzuschauen.

Auf einmal kitzelt es ihn in der kleinen Wichtelnase, und – Hatschii! – er muss ganz laut niesen. Weil Wiggerl sich die Nase putzen will, zieht er seine dicken Handschuhe aus und legt sie auf eine kleine Wolke, die vor seiner Wichtelnase in der Luft schwebt. Er zieht ein großes, rot getupftes Schnupftuch aus seiner Rocktasche und schnäuzt geräuschvoll hinein. Aaah, das war wichtelgut! Und während er das Tuch wieder in seine Jacke stopft, pustet ein Windstoß urplötzlich die kleine Wolke neben ihm in die Höhe – und mit ihr fliegen die Handschuhe davon!

„Ojeoje, was mach ich denn jetzt bloß?“, jammert Wiggerl. „Das sind meine einzigen Handschuhe, die brauch’ ich doch. Sonst friere ich mir ja die Hände ab.“

Doch wie soll Wiggerl wieder an seine Handschuhe kommen, die immer weiter von ihm fort schweben? Der kleine Kerl schaut sich verzweifelt um. Es ist keiner mehr von seinen Wichtelfreunden da – nur noch drei, nein, vier kleine Wolke hängen träge an der Spitze des Samerbergs. Doch da kommt Wiggerl eine wichteltolle Idee: Die Wolken zwischen ihm und seinen Handschuhen sind wie eine Treppe angeordnet. Der Wichtel muss jetzt schnell handeln, bevor die Chance vertan ist: Mit seinen großen Füßen springt er mühelos auf die erste kleine Wolke, die ihn wie eine Feder trägt. Schnell rüber auf die zweite, mit einem großen Hopser auf die dritte, ein Satz rauf auf die vierte und von dort mit einem Schritt zur fünften. Schnell zieht Wiggerl seine Handschuhe an, dreht sich um und will zurückhüpfen, doch – oweh! – die Wolken haben sich verschoben! Wiggerl sitzt in der Falle. Seine Wolke fliegt immer zügiger und weiter ins Tal hinab, in Richtung Rosenheim.

„Uiuiuiui! Warum muss immer mir so etwas passieren“, jammert der Wichtel. „Jetzt krieg ich bestimmt Ärger.“ Wichteln ist es nämlich verboten, von ihrem Zuhause wegzugehen, weil draußen viele Gefahren lauern. Außerdem müssen sie zu Weihnachten in der Wichtelwerkstatt all die Geschenke basteln, die das Christkind den Kindern schenkt. Dicke Tränen kullern Wiggerl über seine Wangen. So lange er auch überlegt, er sieht keine andere Möglichkeit, als auf der Wolke zu warten.

Doch was ist denn das? Ein paar Minuten später steigt dem verzweifelten Wichtel der Geruch von Lebkuchen in die Wichtelnase. „Uiuiui, das riecht aber gut.“ Er springt von seiner Wolke auf und sieht unter sich die bunten Lichter des Rosenheimer Christkindlmarkts. „Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass meine Handschuhe weggeflogen sind“, denkt Wiggerl und wischt sich schnell die Tränen aus dem Gesicht. „Eigentlich müsste ich ja so schnell wie möglich wieder nach Hause, aber wenn ich schon einmal hier bin…“ Seine Wolke bleibt an der Kirchturmspitze hängen und Wiggerl springt voller Vorfreude hinunter.

Auf dem Christkindlmarkt angekommen, führt ihn sein Weg stets zu seinem Freund Gustav. Der alte Mann ist seit Jahren mit seinem Glühweinstand immer an derselben Stelle zu finden. Doch zuerst muss Wiggerl am Stand vom Würstl-Sepp vorbei. Dort hält sich unser Wichtel am zweitliebsten auf, denn ab und an stibitzt er dort ein paar Pommes Frites, was der Würstl-Sepp aber noch nie bemerkt hat. Kann er ja auch nicht, denn der Wiggerl ist – wie alle Wichtel – unsichtbar, solange er seine rote Wichtelmütze auf dem Kopf sitzen hat. Ein weiterer Grund, warum der Wiggerl gern beim Würstl-Sepp vorbeischaut, ist die schöne Weihnachtsmusik aus dem Radio, die dort zu hören ist. Wiggerls Magen knurrt auf einmal ganz laut: „Eine Brotzeit wär’ jetzt nicht schlecht.“

Drei Leute stehen an der Bude an. Sie bemerken nicht, dass der Wichtel ein paar kleine Pommes-Stäbchen aus dem Korb zieht und genüsslich in seinen kleinen Mund stopft. Ein wenig heiß sind sie, doch das stört den Wiggerl nicht. Er braucht jetzt etwas Warmes in den Bauch. Als nächstes probiert er etwas von den Schupfnudeln. Aaah, tut das wichtelgut! Während er das gute Essen genießt, fällt ihm auf, dass gar keine Weihnachtsmusik zu hören ist.

„Prima, jetzt kann ich mich für den Imbiss revanchieren und etwas Gutes tun“, freut sich der Wichtel. Er hat den Würstl-Sepp schon oft zugeschaut, wenn er das Radio an- und ausgeschaltet hat. Schwupp, hinauf aufs Regal gehopst und schnell am Knopf gedreht. Es macht klick, doch es ist nichts zu hören. „Vielleicht muss es lauter sein“, überlegt Wiggerl und dreht und dreht, bis es nicht mehr geht. Doch nichts passiert.

In diesem Moment bemerkt auch eine Kundin, dass es bei Sepp so still ist. „Geh, Sepp, gibt’s heuer bei Dir gar keine schöne Weihnachtsmusik mehr?“

„Doch, doch“, sagt der Würstl-Sepp, „aber ich hab’ vorhin die Steckdose gebraucht. Moment, ich steck’ wieder ein.“

Und schon bückt sich der Wurstverkäufer, stöpselt den Stecker in die Dose und… ein ohrenbetäubender Lärm donnert aus den kleinen Lautsprechern. Vor lauter Schreck drückt Fanni, die Frau vom Würstl-Sepp, die gerade Pommes Frites macht, zu fest auf die Ketchup-Flasche und spritzt eine Ladung Ketchup auf den schönen Mantel einer Kundin. Ein anderer Mann verschluckt sich an einem Stück Bratwurst, ein Dritter stößt seine gerade bestellte Folienkartoffel so vom Tresen, dass sie aus der Folie rutscht und – schwuppdiwupp – in den Topf mit dem Schaschlik kullert und darin halb untergeht.

„Ja, was um Himmels Willen ist das denn?“, ruft der Würstl-Sepp entsetzt und zieht geistesgegenwärtig den Stecker aus der Dose. „Wer hat denn das Radio bis zum Anschlag aufgedreht?“

Der Wiggerl macht sich ganz erschrocken davon. Er wollte doch nur für ein bisschen Weihnachtsstimmung sorgen. Und jetzt hatte er jede Menge Wirbel verursacht. „Uiuiuiui, das wollte ich doch nicht“, denkt er sich und ist auf einmal ganz wichteltraurig. „Jetzt aber schnell zu Gustav.“

Bei seinem Freund angekommen, muss Wiggerl erst mal tief durchschnaufen. Als gerade keine Kunden zu bedienen sind, zieht er seine rote Wichtelmütze vom Kopf, damit Gustav ihn sehen kann. „Hallo Gustav, ich bin wieder da“, ruft der Wichtel. „Ja Wiggerl, das ist aber eine Freude! Schön, Dich zu sehen. Aber was ist denn mit Dir los?“, fragt Gustav. „Du schaust so niedergeschlagen drein. Hast Du wieder etwas angestellt?“ Der kleine Geselle nickt schuldbewusst: „Ja, aber aus Versehen. Ich hab’s gar nicht böse gemeint.“

„Was hast Du denn gemacht?“, fragt Gustav besorgt.

„Ich hab’ das Radio anmachen wollen, aber das ging nicht. Und da hab ich gedreht und gedreht, und auf einmal ging es doch, und die laute Musik hat alle ganz arg erschrocken. Sogar eine Kartoffel ist ins Schaschlik gepurzelt. Der Würstl-Sepp war jedenfalls ganz sauer.“ „Du machst vielleicht Sachen“, sagt Gustav und schmunzelt. „Magst Du auf all die Aufregung hin vielleicht einen Kinderpunsch?“

Doch gerade als Gustav den Punsch einschenken will, kommt ein junger Mann an den Stand gelaufen und keucht ganz außer Atem: „In fünf Minuten, eine Tasse, das Übliche.“ Und schon ist er wieder weg.

„Wer war denn das?“, fragt Wiggerl ganz erstaunt.

„Das“, antwortet Gustav, „das war der Herr Emsig. Der hat’s immer recht eilig, weil er so viel arbeitet. Und damit er keine Zeit verliert, bestellt er erst den Glühwein, holt sich seine Mittagswurst, kommt dann wieder zurück, holt seinen zubereiteten Glühwein ab, macht hier eine schnelle Brotzeit und läuft wieder ins Büro.“

Gerade will Wiggerl dazu etwas sagen, da ertönt neben ihm eine Stimme: „Dass es der Matthäus immer so eilig haben muss.“ Es ist die Leni Kammerhuber, die mit ihrer Mutter neben Gustavs Stand handgefertigte Christbaumkugeln verkauft.

„Ach, Du kennst den jungen Mann?“, fragt Gustav sie.

„Klar, wir sind ja früher zusammen in die Schule gegangen, aber dann haben uns aus den Augen verloren. Und jetzt habe ich ihn schon ein paar Mal bei Dir gesehen, aber immer waren Kunden da, und er ist ja immer so schnell wieder weg.“

 „Er hat halt viel zu tun“, erklärt Gustav.

„Ich glaub’, er macht sich zu viel Stress“, meint Leni. „Es ist doch Advent, die Zeit der Besinnung. Da kann man doch nicht nur schnell schnell machen. Da braucht man auch Zeit, sonst ist Weihnachten ja gar nicht schön.“

„Du hast schon Recht“, gibt Gustav zu. „Es ist ja jedes Mal dasselbe: Sein Handy klingelt, und weg ist er. Aber dafür ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann. Dem müsste man zu Weihnachten einfach mal ein bisserl Zeit schenken.“

„Oder das Handy wegnehmen“, ergänzt Leni lachend.

„Da, ich geb’ Dir auch einen Glühwein“, sagt Gustav. „Dann kannst Du Dich ja kurz zu ihm stellen, wenn er wiederkommt, und Dich mit ihm unterhalten – so lange er eben Zeit hat.“

Der Wiggerl hat bei dem Gespräch gut zugehört. Denn zuhören können Wichtel besonders gut. Das liegt daran, dass sie so große Ohren haben. Mit denen können sie nicht nur ganz leise Geräusche und Stimmen hören, sondern auch Tiere verstehen, so dass sie sich mit ihnen unterhalten können.

Doch ehe Wiggerl dem Gustav von seiner Idee erzählen kann, kommt auch schon der eilige Emsig mit einer Bratwurst in der Hand an Gustavs Stand und holt seinen Glühwein ab. „Mann, da geht’s aber zu beim Würstl-Sepp“, erzählt er aufgeregt, zahlt und nimmt seinen Glühwein entgegen.

„Ja, warum denn?“, will die Leni wissen, die sich unbemerkt neben ihn gestellt hat. „Da muss es vorhin ein richtiges Durcheinander gegeben haben“, berichtet Emsig. Wiggerl zuckt hinter dem Tresen schuldbewusst zusammen. „Aber Genaueres weiß ich nicht, weil ich so in Eile war. Sagen Sie mal“, fügt Emsig hinzu, als er Leni wahrgenommen hat, „kennen wir uns nicht?“

 „Klar, von der Schule her. Wir waren in derselben Klasse. Leni Kammerhuber – vielleicht erinnerst Du Dich noch an mich?“

„Leni? Leni? Ach ja, richtig, die Leni… Wie geht’s Dir denn? Was machst Du hier? Auch einen Glühwein trinken? Ja schön, dass wir uns wieder sehen, aber eigentlich hab’ ich gar keine Zeit, weil ich auf einen Anruf warte, und dann muss ich gleich wieder los…“

Dem Wiggerl ist von Emsigs schnellen Gerede ganz schwindlig geworden. Jetzt weiß er ganz sicher: Diesem Mann muss er helfen. Außerdem hat Wiggerl ein ganz schlechtes Gewissen, weil er dem Würstl-Sepp so viel Ungemach eingebrockt hat. Das will er schleunigst wieder gut machen. Obwohl Emsig mit dem Rücken zu Wiggerl steht, kann dieser mit seinen großen Ohren ganz genau hören, dass der Geschäftsmann sein Handy in die rechte Manteltasche steckt. Schnell klettert der Wichtel auf den Tresen, schnappt sich in einem günstigen Moment das Mobiltelefon und flitzt zurück zu Gustavs Stand. Uiuiui, wie gut, dass diese Telefone so klein und leicht sind!

Ganz außer Atem schiebt er das Handy in eine Ecke. Geschafft! Nein, nicht ganz, denn wenn das Handy jetzt klingelt, würde es Emsig hören und ganz sicher danach suchen und sich fragen, wie sein Telefon hinter Gustavs Theke gekommen ist.

„Er darf es nicht hören“, denkt sich Wiggerl. „Ich muss den Ton dämpfen.“

Nur wie? Da fällt sein Blick auf den Stapel Servietten, die Gustav seinen Gästen immer mit den Tassen überreicht. Mitten in den Stapel hinein schiebt er das Telefon. So ist es wichtelgut! Und gerade noch rechtzeitig: Denn auf einmal ertönt eine leise Melodie, die zwar Wiggerl noch hören kann, aber keiner der Menschen vor dem Stand. Nicht einmal Gustav merkt etwas.

Währenddessen unterhalten sich Leni und Matthäus sehr angeregt. Sie haben sich so viel zu erzählen, und so merken sie gar nicht, wie die Zeit vergeht.

„Bei der Leni nimmt er sich Zeit, der Herr Emsig“, stellt Gustav nach über einer Stunde schmunzelnd fest. „Das ist schön.“

„Naja“, meint Wiggerl und zieht das Handy aus dem Serviettenstapel. „Wenn ihn sein Handy nicht stört…“

„Das gibt’s doch nicht! Hast Du… Das müssen wir ihm aber zurückgeben“, schimpft Gustav. „Steck’s ihm wieder in die Tasche, jetzt gleich. Die Leni hat jetzt eh keine Mittagspause mehr.“

Gesagt, getan. Leni und Matthäus verabschieden sich gerade, aber nicht ohne ihre Telefonnummern zu tauschen. Dazu zieht Matthäus sein Handy aus der Tasche und staunt: Zehn Anrufe sind eingegangen, und er hat keinen davon bemerkt. Aber statt sich aufzuregen, lächelt er nur Leni an und sagt: „Jetzt habe ich mein Telefon nicht bemerkt. Da wird mein Kunde ganz schön sauer sein, aber dafür habe ich mit Dir eine schöne Zeit verbracht, Leni.“ Und sie antwortet: „Das ist ja auch das Schöne am Advent.“

Was die beiden weiter reden, bekommen Wiggerl und Gustav nicht mehr mit, denn der Würstl-Sepp steht plötzlich ganz aufgeregt am Stand: „Gustav, mein Freund, Du glaubst nicht, was mir heute passiert ist. Ich steck’ das Radio ein, es war total laut aufgedreht. Alle Leute erschrecken vor dem Höllenlärm, und einem Kunden fällt die Folienkartoffel aus der Folie raus in meinen Schaschliktopf. Ich will ihm eine Neue geben, aber er sagt nein, weil er sie unbedingt mit der Soße probieren wollte. Stell Dir vor, es hat ihm so gut geschmeckt, dass er sich noch eine zweite bestellt hat. Der Mann hinter ihm hat das gesehen und auch eine bestellt. Und die Frau dahinter auch. Und jetzt wollen alle Leute meine neue Schaschlik-Kartoffel. Ich kann es nicht glauben!“

Gustav sagt gar nichts dazu, er lächelt den Würstl-Sepp nur wissend an. Als dieser wieder gegangen ist, spricht der alte Mann zu seinem kleinen Freund: „Wiggerl, gratuliere, da hast Du mal wieder mal ganze Arbeit geleistet. Zum einen hast Du dem Herrn Emsig gezeigt, dass es im Leben auch noch etwas anderes gibt als Arbeit – nämlich Zeit für andere Menschen zu haben. Und Du hast ganz nebenbei dem Würstl-Sepp eine neue kulinarische Idee geschenkt. Nicht schlecht.“

„Ja, ich bin auch ziemlich wichtelfroh, dass alles so gut ausgegangen ist“, seufzt Wiggerl zufrieden und nippt an seinem Kinderpunsch. „Denn an Weihnachten sollen sich ja alle Menschen freuen.“ Die beiden Freunde blicken zufrieden zum Kinderchor hinüber, der auf der Bühne gerade „Stille Nacht“ anstimmt und im warmen Licht der Laternen beginnt es leise zu schneien...

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