011.08.09|Wiggerl-MärchenFacebook
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Frischer Schnee liegt hoch oben in den Bergen und Wäldern. Und dort befindet sich, gut versteckt über der Stadt, die Wichtelwerkstatt, wo die Wichtel gerade jetzt eifrig damit beschäftigt sind, die Geschenke für die vielen Kinder zu basteln.
Doch weil kaum ein Mensch je einen Wichtel zu Gesicht bekommen hat, wissen nur ganz wenige, dass es diese fleißigen Gesellen überhaupt gibt. Normalerweise kommen die Wichtel nicht in die Nähe des Menschen, aber es gibt da eine Ausnahme: den Wiggerl.
Kein Wunder also, dass der Wiggerl nicht wichtellustig, sondern reichlich traurig vor dem Eingang im frischen Schnee sitzt. Selbst die warme Vormittagssonne vermag nicht, seine Laune aufzuhellen. Stupf, stupf! Was war das? Der kleine Zipfel einer frischen weißen Wolke hängt ein wenig zu weit runter und kitzelt den Wichtel an seiner Wichtelnase. Missmutig bläst er ihn weg. Doch da schon wieder! Ein neuer Zipfel stupft die Nase vom Wiggerl. Genervt packt der den Wolkenfetzen, doch als er ihn gerade nach oben schubsen will, bläst der Wind kräftig in das luftige Gebilde.
Als der Windstoß die Wolke nach oben treibt, hält sich Wiggerl automatisch fest und - schwupp - hängt er einige Meter hoch in der Luft. „Uihuihuih“, ruft der kleine Wichtel und schwingt sich auf die Wolke. Und weil er so große Füße hat – das kommt vom vielen Wandern – findet er dort oben gut Halt. Der Wind bläst die Wolke samt Wichtel geradewegs ins Tal - genau zu Wiggerls geliebtem Christkindlmarkt. „Das war Zufall. Ich kann nichts dafür“, beruhigt Wiggerl sein schlechtes Gewissen. „Ich schau nur ganz kurz in Rosenheim vorbei.“ Aufgeregt hüpft der kleine Kerl auf und ab. Sein Herzchen bumpert vor Aufregung ganz schnell.
Als der Wichtel ankommt, ist es noch früh am Nachmittag. Auf dem Marktplatz ist noch nicht so viel los. Wiggerl bummelt - dank seiner roten Wichtelmütze für die Menschen unsichtbar - durch die Gassen zwischen den Ständen. Nun steht er am Würstlstand, wo der Würstl-
Wiggerl stellt den Dieb sofort zur Rede: „Das geht doch nicht, dass du einfach dem Würstl-
Erschrocken starrt der Kater den Wiggerl an, denn auch die Katze hat noch nie einen echten Wichtel gesehen.
„Ich bin ein Kater und heiße Fritzi“, stammelt er. „Und klaust Würstl“, ergänzt Wiggerl vorwurfsvoll. „Ja, wenn ich doch so Hunger hab’“, jammert der Kater. „Früher, als ich noch bei Menschen gelebt habe, musste ich nie Hunger leiden, aber diesen Sommer haben sie mich einfach ausgesetzt, weil sie in den Urlaub fahren wollten und ich im Weg war. Seitdem lebe ich auf der Straße von dem, was ich finde. Ich will mich nie wieder an Menschen binden und verletzt werden.“ „Aber so kann es doch nicht weitergehen“, wirft Wiggerl kopfschüttelnd ein. „Wieso?“, fragt Fritzi. „Ich bin glücklich. Die Menschen denken doch eh alle, dass schwarze Katzen nur Unglück bringen. Fürs erste ist mein Bauch jedenfalls voll, und später werd’ ich schon wieder was finden. Mach’s gut, Wichtel.“ Dann springt er fort.
„So ein armer Kater“, denkt sich der Wiggerl, dem der Fritzi richtig wichtelleid tut. Wenn er ihm doch nur irgendwie helfen könnte! Nachdenklich zieht der Wichtel weiter. Da reißt ihn ein verlockender süßer Duft aus seinen Gedanken. Wiggerl blickt auf und steht genau vor dem Zuckerwattestand. Den hat er sich noch nie so genau angeschaut, weil da immer so viele Leute stehen und der Wichtel immer Angst hatte, dass er im Gedränge seine rote Wichtelmütze verlieren könnte. Das wäre eine Wichtelkatastrophe, denn dann wäre der kleine Kerl für alle sichtbar. Doch diesmal steht nur ein Bub davor. Wiggerl schaut sich aus der Nähe an, was der Standlbetreiber da so macht - und was sieht er? „Uihuihuih, eine Wolkenfabrik“, jauchzt er ganz verzückt, als luftig-
Als der Zuckerwatte-
Wiggerl bekommt es mit der Angst zu tun. Er versucht, mit den Beinen zu strampeln, doch die bewegen sich keinen Millimeter. Tränen kullern dem Wichtel über die Wangen. Was, wenn ihn jetzt jemand entdeckt? Schon passiert! „Was um Gottes Willen machst du denn hier für Sachen?“ Panik steigt in unserem Wichtel auf. Jetzt nimmt das Unheil seinen Lauf! Doch, welch Wichtelglück, die Stimme kennt er doch... Es ist Gustav, sein Freund vom Glühweinstand! „Schnell, Gustav, du musst mir helfen“, wimmert Wiggerl. „Ich brauch’ meine Wichtelmütze!“
Mit einem Zuckerwattestangerl fischt Gustav geschickt die eingesponnene Wichtelmütze aus dem Kessel, befreit seinen kleinen Freund aus dem Wattegespinst und setzt ihm die klebrige Mütze auf - gerade noch rechtzeitig, bevor der Standbetreiber nach vorne kommt. „Was machen Sie denn da?“, fragt er Gustav argwöhnisch. „Ach, gar nichts. Ich wollt’ nur ‚hallo’ sagen. Ich bin der Gustav und hab’ da drüben einen Glühweinstand. Wenn Ihnen kalt ist, kommen Sie doch mal rüber.“ „Das ist nett, danke“, antwortet der Zuckerwattemann sichtlich beruhigt. „Und ich bin der Bernd.“
Wieder am Glühweinstand befreit Gustav seinen kleinen Freund liebevoll von der pappigen Watte. Wiggerl nippt währenddessen zur Stärkung nach der vielen Aufregung an seinem heißgeliebten Kinderpunsch, der „Süßen Wolke. Eigentlich müsste er jetzt wunschlos glücklich sein, doch Wiggerl ist traurig. Immer wieder muss er an den einsamen Kater Fritzi denken, der so enttäuscht wurde von den Menschen. „Gell, Gustav, Weihnachten ist gar nicht so schön, wenn man allein ist“, sagt Wiggerl leise. „Das stimmt“, antwortet Gustav. „Du bist an Weihnachten bei deinen Wichtelfreunden, ich bin bei meiner Frau, meinen Kindern und den Enkelkindern. Aber viele Leute sind allein. So wie der alte Spänle.“ Gustav deutet mit dem Kopf schräg hinüber auf einen Stand, an dem ein grauhaariger Mann selbstgeschnitzte Krippenfiguren in allen Größen verkauft. „Der Meister Spänle macht die schönsten Figuren weit und breit, aber als Gesellschaft an Heiligabend reichen die halt nicht aus.“ „Der bräuchte auch einen Freund“, meint Wiggerl nachdenklich. „Da fällt mir was ein!“, ruft er plötzlich. „Ich bin gleich wieder da.“
Mit flinken Schritten flitzt Wiggerl wichtelfix über den Christkindlmarkt. Was für eine Idee! Der Stubentiger und der einsame Mann waren wie füreinander gemacht! Aber hatte Fritzi nicht gesagt, dass er nichts mehr von Menschen wissen will? Würde der Kater mitspielen? Wo ist Fritzi überhaupt?
Aufgeregt schaut Wiggerl überall: hinter Buden, in Kartons, unter Autos. Und die Suche wird von Minute zu Minute schwerer, weil immer mehr Leute auf den Marktplatz strömen. Da sieht Wiggerl eine schwarze Schwanzspitze hinter einer Mülltonne. „Fritzi, Fritzi“, ruft Wiggerl. „Du musst sofort mitkommen. Ich weiß vielleicht, wo du wohnen kannst.“
„Was willst du?“, fragt der Kater barsch. „Lass mich in Ruhe. Ich habe gerade ein mittleres Festessen gefunden. Da hat jemand seine Bockwurst nicht ganz aufgegessen. Lecker!“ Doch bevor Fritzi den Wurstzipfel verschlingen kann, hat Wiggerl den nächsten Einfall. Er schnappt sich das Stück und läuft davon. „He!“, ruft Fritzi wütend. „Fang mich doch!“, lockt ihn der Wichtel und winkt mit dem Wurststück.
Mit größter Wichteleile hetzt Wiggerl mit der Wurst durch die vollen Gassen zum Stand von Meister Spänle. Die Besucher auf dem Christkindlmarkt reiben sich verwirrt die Augen. Sie glauben nicht, was sie da sehen: Ein Kater jagt einen Wurstzipfel, der sich scheinbar wie von Geisterhand blitzschnell durch die Gassen bewegt. Wiggerl hat nicht mehr viel Vorsprung – er kann sogar schon den Atem der Katze im Nacken spüren. Als er den Stand von Meister Spänle erreicht, dreht sich Wiggerl um und sieht, wie Fritzi zu einem mächtigen Sprung ansetzt. Erschrocken wirft der kleine Wichtel den Wurstzipfel weg, und der segelt in hohem Bogen in den Stand - mitten in eine Krippe. Die Wurst wirft einen Esel um und bleibt zwischen Maria und dem Jesuskind liegen. Fritzi, der knapp neben Wiggerl landet, wirft diesen mit einem Rempler um und springt mit einem eleganten Satz hinauf auf die Auslage, wo er sich sofort gierig über das Wurststückchen in der Krippe hermacht.
Meister Spänle, der gerade einem Ehepaar seine Ware zeigt, ist zu Tode erschrocken. Er traut seinen Augen nicht: Eine räudige schwarze Katze sitzt laut schmatzend mitten in seiner teuersten Krippe. Gerade will er fürchterlich laut losschimpfen, doch die Kundin ergreift zuerst das Wort: „Das ist ja ein netter Bazi! Schimpfen Sie ihn nicht lieber, Meister“, bittet die junge Frau. „Er fühlt sich halt wohl in Ihrer Krippe. Kein Wunder, es ist aber auch ein besonders schönes Stück. Die würde bestimmt sehr gut in unsere Stube passen.“
Meister Spänle reagiert prompt: Kurzerhand packt er den verdutzten Kater, setzt ihn auf den Boden und verkauft dem Paar die schöne Krippe. Mit einem dicken Packen Geld in der Hand beugt sich der alte Mann hinunter zu Fritzi, der immer noch starr vor Schreck an der Tür sitzt: „Du bist ja ein seltsamer Gast, aber dank dir hab’ ich gerade meine teuerste Krippe verkauft. Auch wenn du schwarz bist - für mich bist du eine richtige Glückskatze! Und deswegen hast du dir eine Belohnung verdient.“
Der Meister verlässt den Stand, um kurz darauf mit zwei frisch dampfenden Bockwürsten zurückzukommen - eine mit Senf für sich und eine ohne für Fritzi. Und gemeinsam machen die beiden eine zünftige Brotzeit.
Dem Wiggerl, der alles aus einiger Entfernung beobachtet, wird ganz warm ums Herz, als er sieht, wie rührend sich Meister Spänle um Fritzi kümmert. Obwohl der heimatlose Kater nie wieder etwas mit den Menschen zu tun haben wollte, beginnt er dankbar zu schnurren, als ihm Spänle liebevoll eine warme Decke als Schlafplatz in der Bude herrichtet und ihm über sein Köpfchen streichelt. „Uihuihuih“, seufzt Wiggerl froh, während drüben auf der Bühne der Weihnachtschor ein Lied anstimmt. „Jetzt kann Weihnachten kommen!“ Und dann beginnt es leise zu schneien...
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