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Christkindlmarkt Rosenheim: Wiggerl und das kleine Weihnachtswunder

Wiggerl und das kleine Weihnachtswunder

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Über dem Samerberg hängen schwere, graue Wolken, die die verschneite Wichtelburg in dicken Nebel hüllen. Der kleine Wichtel Wiggerl blickt in den Himmel.

„Uiuiuiui, da hab’ ich mich so gefreut, mal vor die Tür gehen zu können… und jetzt ist hier alles trüb. Wo ist denn nur die Sonne?“ Wie gern hätte sich Wiggerl nach der langen Arbeit von ihren Strahlen wärmen lassen. Die Wichtel sind nämlich sehr fleißige Wesen. Sie machen in der Wichtelwerkstatt all die vielen Geschenke für das Christkind. Vor Weihnachten gibt es natürlich alle Hände voll zu tun.

Enttäuscht steht der kleine Kerl da, doch plötzlich kommt ihm eine Idee: „Ich könnte doch auf die Wolken raufklettern. Oben scheint bestimmt die Sonne.“ Gesagt, getan. Für Wichtel ist es ganz leicht, auf Wolken zu klettern, weil sie so klein und leicht sind, aber große Füße haben, mit denen sie auf den Wolken stehen können. Oben legt sich Wiggerl erschöpft hin. „Uiuiui, ist das schön! Da muss ich mir ja meine rote Wichtelmütze über die Augen schieben, weil es hier so hell ist.“ Gemütlich lässt sich Wiggerl in die weiche Wolke sinken. „Jetzt mach’ ich eine kleine Pause. Nur fünf Minuten.“

Doch oweh! Wiggerl ist so wichtelerschöpft, dass er gleich einschlummert. Dabei merkt er gar nicht, dass die Sonne die Wolken voneinander löst, und so schwebt der kleine Wichtel über das Tal hinüber nach Rosenheim. „Uiuiuiui! Wo bin ich denn gelandet?“ Wiggerl erschreckt sich sehr, als er aufwacht. Doch so traurig ist er über das Missgeschick nicht: Denn in der Stadt ist jetzt Christkindlmarkt, und auf den hat sich der kleine Geselle schon das ganze Jahr gefreut. Schade nur, dass es den Wichteln eigentlich verboten ist, dorthin zu gehen.

Am Christkindlmarkt angekommen, kann Wiggerl es gar nicht erwarten, durch die bunten Gassen zu schlendern. Sehen kann ihn niemand, denn Wichtel sind für Menschen unsichtbar. Am Stand von Kastulus Schmalzlbeck bleibt er gebannt stehen. Der Mann mit dem großen Bauch macht nicht nur himmlisch duftende Crêpes, sondern wirbelt die dünnen Pfannkuchen anschließend mit den Fingern kunstvoll durch die Luft, damit sie vor dem Essen ein wenig abkühlen.

Wiggerl setzt sich auf ein Regal voller Marmeladengläser und schaut begeistert zu. Gerade wirft Kastulus wieder einen Fladen in die Luft, doch diesmal hat die Teigscheibe zu viel Schwung und landet genau - ojeoje - auf unserem Wiggerl. Dem fällt die rote Wichtelmütze vom Kopf. Was für ein Unglück! Denn ohne ihre Mützen sind Wichtel nicht mehr unsichtbar. Schon greift Kastulus nach dem Pfannkuchen. Gott sei Dank schaut er nicht so genau hin. „Ja, sapperlot, jetzt ist mir der doch glatt ausgekommen“, ruft Kastulus. Wiggerl angelt sich blitzschnell seine Mütze unter dem Teig heraus und setzt sie wieder auf. Puuh, das ist ja gerade nochmal gut gegangen!

Sein Herz bumpert immer noch aufgeregt, als er am Stand von Frau Kammermeier vorbei kommt, die inmitten der bunten Christbaumkugeln und Strohsterne kaum zu sehen ist. Mit seinen großen Wichtelohren kann Wiggerl aus der Entfernung ein Gespräch mit anhören. „Schaun’S, diese Kugel ist eine meiner schönsten!“ Frau Kammermeier zeigt ihre Ware einem älteren Ehepaar. Der Mann zieht seine Lederhandschuhe aus, um die Kugel anzusehen, und steckt beide Handschuhe in seine Manteltasche. „Hm, naja, die ist sehr schön, aber eigentlich machen wir uns nichts aus Weihnachten“, gesteht er. „Ja, wie gibt’s denn so was!“, ruft die Standlfrau entsetzt. „Ach, wir fliegen über die Festtage jedes Jahr in den Urlaub. Wir haben ein großes Haus, aber gerade an Weihnachten kommt es uns immer so leer vor. Kinder haben wir keine. Und im Süden ist es wenigstens schön warm“, erklärt die Ehefrau. „Aber Kälte und Schnee gehören doch zu Weihnachten dazu“, entgegnet Frau Kammermeier. „Ach was, das brauchen wir nicht“, antwortet der Mann kopfschüttelnd.

Wiggerl kann gar nicht glauben, was er da gehört hat! Menschen, die Weihnachten nicht mögen? Nachdenklich geht er weiter zu seinem alten Freund Gustav vom Glühweinstand. „Hallo, Gustav! Da bin ich wieder!“, ruft der Wichtel. Und weil gerade kein Kunde am Stand ist, zieht er seine rote Wichtelmütze vom Kopf, damit Gustav ihn sehen kann. Der Glühweinverkäufer ist der einzige Mensch, dem sich der Wichtel zeigt. „Ja, grüß Dich, Wiggerl“, antwortet der alte Mann erfreut. „Na, darfst Du heuer wieder runter zu uns auf den Christkindlmarkt?“ „Naja“, sagt Wiggerl. „Dürfen vielleicht nicht gerade. Ich bin auf einer Wolke eingeschlafen.“ „Was Du nicht sagst“, meint Gustav lachend und reicht Wiggerl einen kleinen Becher Kinderpunsch. Der kleine Wichtel erzählt, was er bereits erlebt hat - auch von dem Gespräch bei Frau Kammermeier. „Und die Dame, hatte die vielleicht eine weiße Strickmütze auf?“, fragt Gustav. „Ja“, antwortet Wiggerl. „Die beiden waren vorher auch bei mir und haben Glühwein getrunken. Auf mich haben sie keinen frohen Eindruck gemacht“, sagt Gustav und wendet sich einer jungen Familie zu, die gerade mit ihren drei Kindern, einem großen Buben und zwei kleineren Mädchen, an den Stand kommt. „Gell, wenigstens Ihr findet Weihnachten schön“, sagt Gustav in Richtung der Kinder, während Wiggerl sich schnell hinter einem Karton versteckt. „Ja, klar!“, rufen die drei. „Aber so schön wie sonst wird’s heuer nicht“, bedauert der Bub. „Ja, warum denn bloß?“, fragt Gustav. „Ach, das ist eine dumme Geschichte“, erklärt der Vater. „In der Wohnung über uns gab es vorgestern einen Wasserschaden. Auch bei uns stand alles unter Wasser. Deshalb müssen wir wegen der Renovierungsarbeiten über die Feiertage in ein Hotel ziehen. Das ist gar nicht gemütlich, in einem engen Raum ohne eigenen Weihnachtsbaum.“

Als die Familie wieder gegangen ist, wendet sich Gustav an Wiggerl. „Siehst, Wiggerl, so kann’s gehen. Die einen mögen kein Weihnachten, und die anderen mögen’s, können es aber nicht richtig feiern.“ „Ja, das ist eine sehr traurige Geschichte“, findet der kleine Wichtel. Gedankenverloren beobachtet er das bunte Treiben auf dem Christkindlmarkt und auf einmal kommt ihm eine Idee. Hastig verabschiedet er sich von seinem Freund Gustav und huscht wichteleilig davon. Er muss unbedingt die Familie mit den drei Kindern wiederfinden. Doch wo ist sie nur? Der kleine Kerl rennt durch die Budengassen. Vor dem Christbaum erspäht Wiggerl die Familie. Er stibitzt unbemerkt einen Handschuh aus der Anoraktasche des Buben und saust damit wichtelschnell zurück zu Gustav. Gerade haben drei Männer Glühwein bestellt und Wiggerl muss warten, bis sie fort sind. Da stellen sich wieder drei neue Kunden an und dann noch zwei. Nimmt das denn kein Ende? Wiggerl hüpft ungeduldig von einem Bein aufs andere. Schließlich bückt sich Gustav zu einem Karton mit neuen Bechern auf den Boden. Wiggerl nutzt die Gelegenheit. „Gustav, schau mal“, flüstert er aufgeregt. „Ich hab hier einen Handschuh. Heb’ ihn bitte gut für mich auf!“ Gustav schaut ganz verdutzt drein. Er versteht gar nichts. Doch bevor er nachfragen kann, ist der kleine Wichtel schon wieder im Getümmel verschwunden. Gustav legt den Handschuh derweil unter den Tresen.

„Was in aller Welt ist denn mit Dir los?“, krächzt es plötzlich neben Wiggerl. „Du rennst ja wie ein aufgescheuchtes Huhn herum!“. Erschrocken dreht sich der Wichtel um - und wen sieht er da? Seinen schwarz gefiederten Freund, den Raben Willibald. „Ach, Willibald, Du bist’s!“, ruft Wiggerl hektisch. Seine Wangen glühen. „Ich suche zwei bestimmte Leute auf dem Christkindlmarkt und finde sie nicht.“ „Warum suchst Du die denn?“, fragt der Rabe. Doch Wiggerl hat jetzt keine Zeit für lange Erklärungen. „Bitte, Willibald, frag nicht, hilf mir einfach beim Suchen. Ein älterer Mann und seine Frau, sie hat eine weiße Strickmütze auf.“ „Kein Problem für mich“, antwortet der Rabe. „Von oben sehe ich sie ganz leicht. Wenn ich sie gefunden habe, krächze ich laut.“

Gesagt, getan. Willibald fliegt sofort los, und Wiggerl folgt ihm, so schnell er kann. Wichtelflink flitzt er durch die Budengassen. Uiuiui, fast wäre er gegen einen Kinderwagen gelaufen - vor lauter nach oben Schauen. Der Rabe dreht seine Runden, fliegt mal hier hin, mal dort hin. Doch da: Willibald kreist krächzend über dem Stand mit den Weihnachtskerzen.

Wiggerl verliert keine Zeit. Unbemerkt zupft er einen Lederhandschuh aus der Manteltasche des Mannes und flitzt zurück zu Gustav. Gerade rechtzeitig, denn der Mann hat gerade eine Kerze bezahlt, seinen Geldbeutel eingesteckt und greift in die Tasche, um seine Handschuhe wieder anzuziehen. Doch einer fehlt. „Du, Hilde, ich hab’ meinen Handschuh verloren“, sagt er zu seiner Frau. „Hier liegt keiner“, sagt sie und blickt sich suchend um. „Günther Meilinger, mit Deiner Schusseligkeit machst Du mir immer wieder Ärger. Jetzt können wir alle Stände noch einmal abklappern.“

Wiggerl saust so schnell ihn seine großen Wichtelfüße tragen zu Gustav. Dort angelangt, sieht er auch schon die Familie kommen, die sich suchend dem Stand nähert. Schnell steckt er dem verdutzten Gustav den zweiten Handschuh zu. „Geschafft“, wispert der Wichtel völlig außer Atem. „Jetzt brauche ich aber Deine Hilfe, glaub’ ich.“ „Ich verstehe gar nichts mehr“, flüstert Gustav kopfschüttelnd zurück.

„Möchten Sie noch etwas trinken?“, ruft Gustav der Familie zu, als sie seinen Stand erreicht hat. „Ja, warum nicht, geben Sie uns bitte noch dreimal Kinderpunsch. Sagen Sie, hat unser Sohn bei Ihnen seinen Handschuh verloren?“, fragt Vater Werner. Unter dem Tresen haut Wiggerl hektisch mit dem Handschuh an Gustavs Bein. „Ja, was haben wir denn da? Sie haben Glück!“ Gustav nimmt Wiggerl den Handschuh ab und gibt ihn dem Vater. Dann tut er so, als sei ihm etwas heruntergefallen und beugt sich zu dem Wichtel hinunter. „Du Lausbub!“, zischt Gustav leise, „Du kannst doch nicht einfach Handschuhe klauen!“ Doch bevor Wiggerl antworten kann, trifft schon das Ehepaar Meilinger am Glühweinstand ein.

„Sagen Sie, habe ich vielleicht einen Handschuh bei Ihnen verloren, aus schwarzem Leder?“ fragt Herr Meilinger. Gustav lacht: „Das ist ja heut’ wie im Fundbüro.“ Triumphierend wedelt Wiggerl unter dem Tresen mit dem gesuchten Handschuh. „Ja, ich hab‘ da was für Sie“, sagt Gustav mit tadelndem Blick in Richtung Wiggerl. „Da habe ich ja noch mal Glück gehabt“, ruft Herr Meilinger. Langsam beginnt es Gustav zu dämmern, warum sein kleiner Freund die Handschuhe geklaut hat. „Naja, Glück würd’ ich’s nicht nennen. Eher vielleicht ein kleines Weihnachtswunder.“ Fragend schaut der Mann seine Ehefrau an. Gustav schenkt zwei Becher Glühwein ein. „Ich lade Sie ein. Es scheint nämlich so, als hätte das Schicksal gewollt, dass Sie beide heute dieser netten Familie begegnen.“

„Wieso?“, fragt da Familienvater Werner. „Weil Sie sich so sehr auf Weihnachten freuen und traurig sind, dass Sie es heuer im Hotel nicht richtig feiern können. Und weil diese Herrschaften Weihnachten richtig schön feiern könnten, aber stattdessen lieber dorthin in den Urlaub fahren, wo sie nichts an Weihnachten erinnert.“ „Woher wissen Sie das denn?“, fragt Hilde Meilinger. „Ich hab’ doch gesagt, dass es so etwas wie ein kleines Weihnachtswunder ist“, antwortet Gustav geheimnisvoll. „Wieso mögen Sie denn kein Weihnachten?“, fragt Leni, das kleinere der beiden Mädchen. „Mögen Sie denn auch keine Geschenke?“ „Nein, wir schenken uns nichts“, antwortet Frau Meilinger knapp. „Das ist aber schade“, meint Leni. „Schenken ist doch sooo schön. Wissen Sie was: Ich schenke Ihnen etwas zu Weihnachten!“, ruft das kleine Mädchen aufgeregt. „Das ist aber lieb.“ Frau Meilinger ist gerührt. „Aber Weihnachten sind wir nicht zu Hause.“ „Aber das geht doch nicht!“, antwortet Leni entrüstet. Auch ihre Geschwister können das gar nicht verstehen. „Ja, an Weihnachten bleibt man doch zu Hause!“, rufen sie zusammen. „Nanana, das geht Euch doch gar nichts an“, tadelt Mutter Martina ihre Kinder. „Lassen Sie nur“, beschwichtigt Frau Meilinger. „Eigentlich haben die Kinder doch Recht. Und wenn ich mir die Rasselbande so anschaue, dann könnte ich mir schon vorstellen, auch einmal zu Hause zu feiern.“ Lächelnd schaut Hilde Meilinger zu ihrem Mann herüber. „Warum nicht? Wollen Sie bei uns Weihnachten verbringen? Unser Haus ist groß genug“, schlägt Herr Meilinger vor. Doch Lenis Vater zögert. „Ich weiß nicht, ist Ihnen das wirklich recht?“ „Oh bitte, bitte Papa, das wäre doch viel schöner als im Hotel!“, rufen die Kinder. Mama Martina ergreift beherzt das Wort: „Wir nehmen die Einladung gerne an, vielen tausend Dank.“ „Juhuuuu!“ Die Kinder hüpfen begeistert auf und ab. Bald sind alle in ein angeregtes Gespräch über die gemeinsamen Weihnachtsvorbereitungen vertieft.

„Respekt, Wiggerl, das hast Du ja wieder pfundig hingekriegt“, lobt Gustav seinen kleinen Freund. „Du hast einige Menschen sehr glücklich gemacht. Dafür spendiere ich Dir ein Plätzchen.“ „Uiuiui, vielen Dank, Gustav, aber das muss ich mit Willibald teilen, denn ohne ihn hätte ich die Meilingers nicht mehr gefunden.“ „Na, dann nimm am besten gleich zwei Plätzchen“, sagt Gustav, lächelt und nimmt den kleinen Wiggerl in den Arm. Und im warmen Licht der Laternen beginnt es langsam zu schneien...

Gabriele Dorby

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