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Wiggerl unter falschem Verdacht

010.11.09|Wiggerl-MärchenFacebook
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Dicke Wolken hängen über der Wichtelwerkstatt inmitten der tief verschneiten Berge hoch über Rosenheim. Der kleine Wichtel Wiggerl sitzt draußen vor dem großen Tor, hinter dem die anderen Wichtel emsig werkeln.

Jedes Jahr im Winter haben sie sehr viel Arbeit, denn sie müssen all die Geschenke für die vielen Kinder machen, die das Christkind zu Weihnachten verschenkt. Wiggerl macht eine kleine Pause, weil er wichtelfleißig viel gearbeitet hat. Nun sitzt er auf einem Stein und schaut gedankenverloren den dahin fliegenden Schneeflocken zu. Über ihm tanzt eine kleine Wolke, die sich in einem Luftwirbel verfangen hat. Sie dreht sich in einem engen Kreis wie ein kleines Karussell.

„Uiuiuiui, das ist aber toll!“ Wiggerl ist fasziniert von dem Wolkenspiel. „Da will ich mal mitfahren!“, juchzt er. Und schwupp, schon springt der Wichtel hoch und landet sicher auf seinen großen Füßen, mit denen er prima auf den Wolken laufen kann. Selig setzt er sich auf das luftige Gebilde. Wichtelviel Spaß macht es dem kleinen Kerl, mit der Wolke durch die Luft zu wirbeln! Immer wieder startet eine neue lustige Runde, bis plötzlich die Wolkendecke über Wiggerl aufreißt und warme, goldene Sonnenstrahlen einfallen. „Wie schön“, schwärmt der Wichtel selig. Doch oweh! Auf einmal wechselt der Wind, und statt sich weiterhin im Kreis zu drehen, fliegt die kleine Wolke einfach geradeaus. Der Wind fährt darunter und treibt den Wichtel immer weiter nach oben.

„Uiuiuiuiui!“, ruft der Wichtel erschrocken, als er sieht, wie die Wichtelwerkstatt unter ihm immer kleiner wird, während seine Wolke unablässig Richtung Tal gleitet. Für einen Absprung ist es viel zu spät! Wiggerl blickt erschrocken mit großen Wichtelaugen um sich. „Was soll ich denn jetzt machen? Das gibt bestimmt riesigen Ärger zu Hause.“ Der kleine Wichtel ist in großer Sorge, doch er kann nichts tun.

Wiggerl grüßt alle Kinder

Unter ihm tauchen langsam die ersten Hausdächer von Rosenheim auf – bald kann er sogar den großen und prächtig geschmückten Christbaum auf dem Christkindlmarkt sehen! Da weicht die Sorge großer Freude. „Vielleicht war der Wolkenunfall gar nicht so schlecht“, denkt sich Wiggerl. Den Rosenheimer Christkindlmarkt mit all den bunten Buden, den strahlenden Lichtern und den verlockenden Düften besucht der kleine Wichtel sehr gerne. Zwar ist es Wichteln verboten, unter Menschen zu gehen, aber Wiggerl hat es bisher jedes Jahr irgendwie geschafft, nach Rosenheim zu kommen.

Seine rote Wichtelmütze hilft ihm dabei, unentdeckt zu bleiben, denn sie macht den kleinen Kerl unsichtbar. Sein erster Weg führt Wiggerl zu seinem Freund Gustav, der wie jedes Jahr an seinem Stand Glühwein verkauft. „Hallo, Gustav! Da bin ich wieder!“, ruft der Wichtel voller Freude. Und weil jetzt am Vormittag gerade einmal kein Kunde am Stand ist, zieht er seine rote Wichtelmütze vom Kopf, damit der Freund ihn sehen kann.

„Ja, grüß Dich, Wiggerl“, antwortet Gustav überrascht. „Na, darfst Du heuer wieder runter zu uns auf den Christkindlmarkt?“ Da hat der treue Freund gleich ein heikles Thema angeschnitten. Wiggerl bekommt prompt ein schlechtes Gewissen. „Naja“, antwortet Wiggerl. „Eigentlich nicht. Aber da war so eine Wolke. Auf der hab’ ich gespielt, und auf einmal ist die losgeflogen“, stammelt er. „Also Wiggerl, Du bist mir schon so ein Bazi“, meint Gustav und streichelt liebevoll über den Kopf des kleinen Freundes. „Dann genieße Deine Zeit bei uns auf dem Christkindlmarkt. Magst Du zur Begrüßung einen Kinderpunsch?“ „Au ja“, jubelt der kleine Wichtel. „Ich bin schon ganz wichteldurstig. Und dann schau ich mal, ob ich jemandem auf dem Markt helfen kann. Das kann ich nämlich ganz gut, weißt Du.“

Wiggerl streift umher und schaut sich alle Buden ganz genau an. Weil der Wichtel so große Ohren hat, mit denen er viel besser hören kann als die Menschen, hört er plötzlich den alten Kerzenmacher Dochtlmeier schon von Weitem vor sich hinschimpfen: „Wenn ich den erwische, der mir alle meine Kerzen umgeschmissen hat! Der kann was erleben! Die ganze Zeit war ich hier und habe keinen gesehen, das gibt es doch nicht!“ Dochtlmeier schüttelt fassungslos den Kopf – und hält plötzlich inne. Wiggerl läuft zum Stand, um sich die Bescherung anzusehen. „Und wenn es jemand war, der gar nicht zu sehen ist?“, überlegt der alte Kerzenmacher laut. „Vielleicht dieser kleine Wichtel-Lausbub, der hier jedes Jahr herumschleicht?“ Der Schreck fährt Wiggerl in alle Glieder. Am liebsten hätte er gerufen: „Niemals, ich war das nicht!“ Aber dann hätte ihn Dochtlmeier entdeckt. Davor hat er Angst, denn der alte Mann würde ihn bestimmt fürchterlich schimpfen. Wiggerl läuft lieber erst einmal weg.

Weiter hinten am Würstlstand unterhalten sich der Würstl-Sepp und das Fräulein Annelies, die Spielwaren und Marionetten verkauft. „Stell Dir vor, Annelies, bei mir sind heute schon wieder vier Würstl und zwei Semmeln verschwunden“, beklagt sich der Würstl-Sepp. „Und bei mir hat jemand lauter Knoten in meine schönste Marionette gemacht. Ich weiß nicht, wie ich die jemals wieder herausbekommen soll! Ich kann mir nicht erklären, wer das gemacht haben soll. Wir stehen doch die ganze Zeit am Stand und müssten etwas merken, meinst Du nicht, Sepp?“ „Allerdings, wir haben doch nicht den Verstand verloren!“ Der Würstl-Sepp blickt nach oben und überlegt. „Annelies, meinst Du nicht, es könnte dieser kleine Wichtel sein? Dieser Lausbub geistert doch angeblich immer unsichtbar auf dem Markt herum. Und beim alten Spänle, der drüben die handgeschnitzten Krippenfiguren verkauft, hat jemand die Heilige Maria in ein offenes Senfglas gesteckt haben, kurz bevor der Spänle Brotzeit machen wollte.“ „Nein, das gibt es doch nicht!“ Annelies schüttelt mit offenem Mund den Kopf.

Ojeoje, der kleine Wiggerl ist den Tränen nah. Er hat doch gar nichts gemacht, und trotzdem wird er von den Standleuten verdächtigt! Dicke Tränen kullern über seine roten Wangen. Zwar ist ihm in der Vergangenheit schon das eine oder andere Missgeschick passiert, aber er hat’s doch immer gut gemeint. „Ich wollte doch immer nur helfen“, wimmert Wiggerl verzweifelt. Laut schniefend und tief enttäuscht will der Wichtel den Christkindlmarkt verlassen, als er eine Stimme hört: „Welche Laus ist Dir denn über die Leber gelaufen, Wiggerl?“ Der Wichtel dreht sich erschrocken um, und erst als er suchend nach oben blickt, sieht er auf einem Ast im Christbaum den Raben Willibald sitzen, der ihm mit seinem schwarzen Flügel zuwinkt. Denn anders als Menschen können Tiere Wichtel sehr wohl sehen, auch wenn diese ihre Wichtelmütze auf dem Kopf tragen.

„Ach Du bist es, Willibald“, seufzt Wiggerl, der den Raben von früher kennt. „Ich bin so unendlich wichteltraurig, weil mich alle verdächtigen. Aber dabei hab’ ich doch überhaupt nix gemacht. Keine Würstl stibitzt, keine Kerzen umgeworfen, keine Marionetten verknotet und vor allem keine Krippenfigur in den Senf gesteckt.“ „Jaja, eine üble Geschichte. Ich habe die Standleute schon schimpfen hören. Ich glaub’ Dir sofort“, beruhigt ihn der Rabe. „Dass Dich alle verdächtigen, wo Du doch immer fleißig geholfen hast, ist wirklich nicht nett. Aber, Wiggerl, Du brauchst Dir keine Sorgen machen, ich werde Dir helfen.“ „Das ist sehr nett von Dir. Aber sei mir nicht böse, was willst Du denn bei den Menschen schon ausrichten? Du bist schließlich nur ein Rabe.“ Wiggerl muss schon wieder weinen. „Wie Du weißt, sind wir Raben nicht nur sehr klug, sondern wir sehen auch sehr viel, weil wir fliegen können und von oben jederzeit einen guten Überblick haben.“ „Wirklich? Du musst mir erzählen, was Du weißt. Komm runter da!“ „Nein. Komm Du rauf zu mir, dann zeig ich Dir was.“

Wichtelflink klettert der kleine Wichtel den Baum hinauf – Meter für Meter. „Uihuihuih, ist das hoch!“ Auf dem Ast angekommen, setzt er sich neben Willibald und zupft ungeduldig an seinem Flügel. „Los jetzt!“ „Mal langsam, kleiner Freund. Setz Dich und schau einmal hinüber zum Mandelstand“, fordert der Rabe Wiggerl auf. Der Wichtel kneift angestrengt die Augen zusammen, um in der Ferne etwas zu erkennen. Neben dem Mandelstand kauert ein Bub auf dem Boden, er scheint sich zu verstecken. In dem Moment, als der Inhaber, der Zuckerwatten-Bernd, sich nach hinten dreht, springt der Bursche vor, wirft eine Handvoll Kieselsteine in den Mandelbrennkessel und flitzt davon. Mit lautem Getöse werden die Steine zwischen den Mandeln herumgewirbelt. Wiggerl und Willibald beobachten, wie Bernd aufgeschreckt vom Lärm herumfährt und fragend auf die Maschine schaut, bis er sieht, was passiert ist. Zornig und laut schimpfend stoppt er den Apparat und sammelt mühsam Stein für Stein aus dem glühendheißen Kessel. Wiggerl bleibt der Mund offen stehen. „So ein Spitzbub!“, schimpft er. „Das geht doch entschieden zu weit!“

In Windeseile klettert Wiggerl vom Baum und rennt so schnell wie ihn seine Wichtelfüße tragen zu der Stelle, wo er den Buben zuletzt gesehen hat. Am Brunnen erwischt er den Übeltäter. „Du bist mir ja ein schönes Früchtchen!“, schimpft er so laut los, so dass der Knabe erschrocken zusammenfährt. Der Bub blickt erschrocken um sich, kann aber niemanden entdecken. „Wer... wer ist denn da?“, fragt er ängstlich. „Ich“, sagt der Wichtel bestimmt, hüpft auf den Brunnenrand und lupft seine Wichtelmütze, damit er sichtbar wird. „Der Wiggerl!“ Mit großen Augen starrt der Bub ihn an. „Was... wer bist denn Du?“, stammelt er. „Ich bin ein Wichtel, und wegen Dir und Deiner Streiche verdächtigen jetzt alle mich. Das, was Du gerade beim Mandelstand gemacht hast, das war ganz gemein. Du musst sofort hingehen und Dich entschuldigen.“, poltert Wiggerl los. Aufgeregt fuchtelt er mit seinen Ärmchen herum. Doch statt Einsicht zeigt der Kerl nur ein freches Grinsen. „Das war doch lustig. Und überhaupt: Ich lass’ mir nichts vorschreiben.“ „Das war gar nicht lustig, sondern boshaft. Denn bei einem harmlosen Streich darf niemand zu Schaden kommen.“ Wiggerl ist ganz rot vor Zorn. „Na, wenn schon“, erwidert der Bub. „Mir egal. Schönen Tag noch!“ Und schon verschwindet er hinter einer Menschentraube.

„Das gibt’s doch nicht!“ Wiggerl schüttelt ungläubig den Kopf. „So ein frecher Bursche!“ Doch dann wird ihm plötzlich bewusst, dass nun alle weiterhin meinen, er sei für all die Schandtaten verantwortlich. Wiggerl überlegt angestrengt, wie er den schlimmen Verdacht von sich wenden kann. Dann hat er eine Idee: „Ich muss jetzt umso mehr den Standleuten helfen, damit sie merken, dass ich das mit den üblen Streichen gar nicht gewesen sein kann.“ Voller Tatendrang blickt er um sich. Schon fällt sein Blick auf den Stand von der Frau Kammerhuber, die gerade eine offene Dose mit roter Farbe neben eine Schachtel mit Strohsternen stellt. Dann wendet sie sich an einen Kunden und zeigt ihm ein paar Christbaumkugeln. „Aha“, denkt sich der kleine Wichtel. „Die Frau Kammerhuber will bestimmt ihre Sterne anmalen, aber sie kommt vor lauter Kunden nicht dazu. Wie gut, dass ich da bin und helfen kann. Und dann wird sie bestimmt sagen: Wie gut, dass es den Wiggerl gibt!“

Unsichtbar springt er auf den kleinen Schrank, greift frohen Mutes in die offene Schachtel, legt sich unbemerkt fünf Sterne hin, greift einen Pinsel, tunkt ihn in die rote Farbe und malt drauflos. Die Arbeit geht ihm zügig von der Hand, Geschenke basteln in der Wichtelwerkstatt ist schließlich auch nichts anderes. Kaum ist er fertig, legt er sich die nächsten Sterne hin und pinselt wichteleifrig weiter. Ganz rote Backen hat der kleine Kerl schon. Und noch einmal fünf Stück! Geschafft! Wiggerl ist mächtig stolz. Er legt den Pinsel zur Seite und macht sich rasch aus dem Staub. Gerade noch rechtzeitig, denn Frau Kammerhuber verabschiedet gerade ihren Kunden. Sie dreht sich um... und sieht Wiggerls knallrote Bescherung! „Ja, um Himmels Willen, was ist denn hier passiert! Die schönen Sterne sind alle ruiniert! Die kann ich jetzt alle wegwerfen. Und überall die rote Farbe, mit der ich eigentlich nur eine Stelle auf einer Christbaumkugel ausbessern wollte. Wahrscheinlich war das auch wieder dieser Wiggerl.“ Dessen große Wichtelaugen füllen sich mit dicken Tränen, als er die Reaktion von Frau Kammerhuber hört. Damit hatte er nicht gerechnet. „Aber das hab’ ich doch nicht gewollt“, stammelt der kleine Kerl.

Mit hängenden Schultern schleicht Wiggerl zurück zu Gustavs Stand. Dort angekommen, kann er den Freund nicht sehen. Stattdessen steht die Resi von der benachbarten Bauernbrotbude darin. Das tut sie immer, wenn Gustav kurz nicht da ist. Also kauert sich Wiggerl neben die Mülltonne an Gustavs Stand und weint bitterlich - solange bis Gustav auf einmal neben ihm steht und flüstert: „Wiggerl, wo bist Du? Ich hör’ Dich doch.“ Schnell schlüpft Wiggerl in den Stand. Als Resi wieder weg ist, nimmt er die Mütze vom Kopf und erzählt seinem alten Freund völlig aufgelöst, was alles passiert ist. Immer wieder muss er kräftig schluchzen.

„Wiggerl, so beruhige Dich doch“, sagt Gustav und nimmt seinen kleinen Freund zum Trost in den Arm. „Du weißt ja gar nicht, was in der Zwischenzeit passiert ist. Stell Dir vor, der Würstl-Sepp hat mir gerade erzählt, dass sich der Strolch, der die ganzen Übeltaten verbrochen hat, gestellt hat.“ Wiggerls Tränen versiegen sofort. Aufgeregt hüpft er auf und ab. „Ja, aber warum denn das? Er wollte seine Schandtaten doch gar nicht einsehen!“ „Ich weiß es nicht genau, aber vielleicht hat er einfach ein schlechtes Gewissen bekommen, als er all die Leute auf diesen Wiggerl schimpfen hörte. Auf jeden Fall hat er sich reihum entschuldigt und versprochen, so etwas nie wieder zu tun. Den Marktleuten tut es jetzt natürlich sehr leid, dass sie Dich verdächtigt haben. Also, Du siehst, es ist alles wieder gut.“ „Aber die Frau Kammerhuber…“, jammert der Wichtel. „Der hab’ ich doch die Sterne kaputt gemacht.“ „Aber nein“, entgegnet Gustav lachend. „Sobald die ersten Sterne trocken waren, haben sich die Leute darum gerissen. Rot angemalte Strohsterne sind ja auch nicht alltäglich. Stell Dir vor, Wiggerl, jetzt malt sie die restlichen auch noch an.“ „Dann ist ja doch noch alles gut gegangen“, seufzt der Wichtel erleichtert. „Und auf den Schreck bekommst Du jetzt noch einen Kinderpunsch.“ „Oh ja, das ist eine wichtelgroßartige Idee!“, jubelt Wiggerl. „Ach Wiggerl, das muss ich Dir noch erzählen: Als sich der Lausbub bei den Marktleuten entschuldigt hat, ist ihm immer ein Rabe hinterhergeflogen. Der hat den schlimmen Buben offenbar auch ein- oder zweimal ins Ohr gezwickt. Seltsam, findest Du nicht?“ „Nein, gar nicht“, denkt sich Wiggerl lächelnd. „Raben sind wirklich kluge Tiere.“

Der kleine Wichtel nimmt einen kräftigen Schluck Kinderpunsch, wärmt sich die kalten Händchen an der Tasse und blickt auf seinen geliebten Christkindlmarkt. Und im warmen Licht der Laternen beginnt es leise zu schneien…

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